Tamazight-Tradition

Als ich neuzehn Jahre alt war, besaß ich kaum mehr als ein paar Bücher. Mein älter Bruder, der schon neun Jahre lang in Deutschland gearbeitet hatte, wollte meine Hochzeitskosten allein übernehmen. Meine Geschichte verlief so ähnlich wie bei Ali. Mein Mädchen war erst vierzehn Jahre alt, aber genau sie wollte ich und keine andere.
Nach der Elternabsprache gingen mein Vater, mein Schwiegervater und ich zu den Juristen auf dem Wochenmarkt, um eine Heiratsurkunde ausstellen zu lassen. Die beiden Juristen, von denen mich einer persönlich kennt, sind Koranleser. Wir trafen sie in dem Cafe , wo sie auf ihre Kunden warteten. Sie wollten unsere Sache ausnahmsweise erleichtern und nicht wissen, dass das Mädchen erst

vierzehn Jahre alt ist. Sie taten so, als ob es bereits achtzehn sei und außerdem auch anwesend wäre. Mein Schwiegervater sollte von Volljährigkeit sprechen. - Man setzt dafür einen anderen Satz ein, der kein Alter angibt, sondern die volle Entwicklung bestätigt. Man sagt ungefähr :,, Er oder sie ist reif.,, - Auch benötigen sie von meinem abwesenden Mädchen keinen Ausweis.

Die beiden Udul, das sind Vertrauenszeugen, schrieben meinen Namen, den Namen meines Mädchen die Höhe der Brautgabe, dass wir beide ledig und bei vollem Bewusstsein sind und aus gleichen Positionen kommen. Zum Schluss schrieben sie noch zwölf Zeugennamen auf.
Zwei Wochen vor der Hochzeit hörte man schon den Trommelschlag im Haus. Täglich kamen die Frauen aus dem Verwandtenkreis, um mit meinen Schwestern Hochzeitslieder zu singen und zu üben. Jede bemüht sich eigene Lieder zu reimen.
Diese analphabetischen Beduinen haben eine Begabung in der Kunst der Dichtung auch wenn sie die Uhr nicht kennen.
Die meisten Männer verlieren beim ersten Kontakt mit einer Frau ihre Orientierung und haben dann Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr. Dabei glauben wir, dass man entmachtet oder verzaubert wird. Böse Leute benutzen dies. Sie nehmen zum Beispiel einen Faden vom Kleid der Frau und rufen ihn dann mit seinem Namen. Sofort bei der Antwort verknoten sie dann den Faden vom Kleid des Mannes oder der Frau und rufen ihn dann mit seinem Namen. Sofort bei der Antwort verknoten sie dann den Faden, und der Bräutigam ist beim Geschlechtsverkehr so lange machtlos, bis der Knoten wieder gelöst wird oder er ein Gegenmittel bekommt. Um dies zu verhindern , ergreift das Brautpaar eine Schutzmaßnahme :Sie lassen von einem Korangelehrten einen Schutzvers fertigen.
Meine Schwiegereltern brauchten nicht zu kaufen. Das musste ich bzw. mein Bruder übernehmen. Sie bekamen von uns einen großen mit Henna geschmückten Hammel und alles, was dazugehört, vier Kolben Zucker, fünf Liter Öl, ein Kilogramm Henne – zu feinem Mehl gemahlenes Kraut zum Färben von Stoffen, Haaren, Haut, Finger -und Zehennägeln- und anderes mehr. Einen Tag vor der Hochzeit wird der Hammel mit großer Zeremonie übergeben. Die öffentliche Hochzeit dauert zwei Tage. Am ersten Tag feiert jede Partei für sich allein, und am zweiten wird zusammen im Haus des Bräutigams gefeiert. Wenn sich die Braut von ihren Eltern verabschiedet, herrscht eine furchtbare Traurigkeit. Aber nicht nur, weil sie ihre Tochter vermissen werden, sondern auch deshalb, weil das Spiel noch nicht zu Ende ist. Die Tochter muss beweisen, dass sie noch Jungfrau ist. In der ersten Nacht muss sich das Tuch rot färben. Schafft man dies nicht in den sieben Tagen der Sultanszeit, dann trägt entweder die Frau Schuld (weil sie nicht mehr Jungfrau ist) oder von beiden ist entmachtet worden.
Die Schwiegereltern sind sehr empfindlich, weil sie nicht wissen, wie ihre Tochter mit meiner Mutter auskommen wird.
Den ganzen ersten Hochzeitstag sitzt die Braut auf einem extra geschmückten Brautplatz. Es muss aber eine Ecke sein. Es werden Abschiedslieder gesungen, bei denen sie hin und wieder weinen muss. Spät in der Nacht wird etwa ein Kilogramm getrocknete Hennablätter zu Mehl gestoßen und ihre Hände und Füße damit rot gefärbt und geschmückt. Gegen Mittag des zweiten Tages muss sie mit ihren weiblichen Verwandten bei einem speziellen Trauerlied zum Abschied weinen.

[ Zurück ]